Die Angst vor der eigenen Unternehmensgeschichte

 

Stellen Sie Sich doch mal folgende Situation vor:

Die Pressekonferenz läuft – zugegeben ganz gut und alle sind entspannt. Es wird zu den letzten Fragen aufgerufen. Ganz plötzlich wird eine unangenehme Frage gestellt. Nicht zu Gewinnen, Firmenstruktur oder Entwicklungsprognosen. Nein, es geht um die Vergangenheit: „Uns liegen Erlebnisberichte vor, die beweisen, dass sie während des Zweiten Weltkriegs jüdische und ausländische Zwangsarbeiter beschäftigt haben. Können Sie uns sagen, wie Sie sich zu Entschädigungsfragen positionieren wollen?“

Und plötzlich ist es still im Saal.

 

 

Im besten Falle sind Sie als Unternehmen auf eine solche Situation vorbereitet. Vor allem Großkonzerne haben in den letzten Jahren verstärkt begonnen, ihre Unternehmensgeschichte professionell aufarbeiten zu lassen. Sie können sich in solchen Momenten zurücklehnen und auf die Antworten ihrer zuständigen Historiker und Archivare warten. Wo Licht in die Akten gebracht wurde, muss kein Dunkel mehr gefürchtet werden.

 

Und was machen die anderen?

 

Wer seine Geschichte nicht professionell untersuchen lassen hat, sitzt nun in der Falle. Denn die Crux an einer solchen Frage ist - ob berechtigt oder nicht –, der Vorwurf steht im Raum und wird nicht verhallen, solange er nicht stichhaltig vom Unternehmen widerlegt wurde. In der Falle sitzen Sie als Unternehmen also nicht, weil Sie möglicherweise Zwangsarbeiter beschäftigt haben, sondern weil Sie keine Kenntnis darüber haben, was überhaupt passiert ist und ob dieser Vorwurf gerechtfertigt sein könnte.

 

Ich bezeichne diese Unkenntnis gerne als Angst vor der eigenen Unternehmensgeschichte. Und es kam mir gerade recht, dass der diesjährige Museumstag am 21. Mai den Aufruf „Spurensuche. Mut zur Verantwortung!“ zum Motto hat, um dieses Problem noch einmal aufgreifen zu können. Denn es gibt, neben der Zwangsarbeiterfrage noch viele weitere „Problemfelder“ in der Unternehmensgeschichte. Alle möglichen Fehlentscheidungen der Unternehmensführung können früher oder später ans Licht kommen und ein Unternehmen damit unangenehm vorgeführt werden. Vor allem betrifft dies nicht nur große Firmen. Auch kleine Unternehmen können schnell in Erklärungsnot geraten und dann ist es meistens schon zu spät. Steht der Vorwurf einmal im Raum, haftet der Eindruck der Rücksichtslosigkeit und Geschichtsvergessenheit am Unternehmen.

 

Das hätte auch besser laufen können: zum Beispiel mit fachgerechtem History Marketing.

 

Ein Schwerpunkt des History Marketings liegt bei der Krisenkommunikation – und die geht man am besten schon frühzeitig (vor der Krise) an. Die „Fallen“ in der Unternehmensgeschichte werden dabei zunächst aufgespürt und untersucht. Diese Aufgabe sollte einem/er Historiker/in überlassen oder zumindest von ihm/ihr begleitet werden, sodass gegenüber Dritten auch der Nachweis der fachgerechten Aufarbeitung erbracht werden kann. Die Bewertung von historischen Ereignissen, der Umgang mit vorhanden Quellen und die Einordnung der Geschehnisse in einen historischen Kontext können nicht von einem „reinen“ Marketing-Team vorgenommen werden, auch wenn dies immer wieder von verschiedenen externen Marketing-Firmen angeboten wird. Nur ein/e Experte/in mit geschichtswissenschaftlicher Ausbildung kann die Unternehmensgeschichte auch fachgerecht aufarbeiten (ich biete diesen Service u.a. an).

 

Wer sicher ist, dass er keine Angst vor der eigenen Unternehmensgeschichte haben muss, der kann sich darüber freuen, dass ihm obige Situationen erspart bleiben werden. Wer noch Zweifel hat, sollte sich die offizielle Erklärung des Museumsbundes zum Vorbild nehmen:

„Das Motto des 40. Internationalen Museumstags „Spurensuche. Mut zur Verantwortung!“ ruft die Museen dazu auf, sich mit Angeboten zu beteiligen, die zur Diskussion anregen, aufklären, die möglicherweise Verdecktes an den Tag bringen und auch die Schattenseiten der Geschichte und Zeitgeschichte nicht aussparen.“

 

Gleiches gilt für Unternehmen. Wer Geschichte aus Angst ausspart, hat schon verloren. Aufarbeitung bedeutet nicht nur Verantwortung, sondern vor allem auch Erleichterung. Denn nicht die Ereignisse der Vergangenheit werfen ein schlechtes Licht auf ein Unternehmen, sondern die fehlende Diskussion darüber. History Marketing kann helfen, vorhandene Schattenseiten zu erhellen und für Unternehmen und Öffentlichkeit sichtbar und bewältigbar zu machen.

 

Wer sich seiner Vergangenheit stellt, hat auch nichts zu befürchten.

 

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